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BEREIT FÜR DIE ZWEITE HALBZEIT?

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das glücksgefühl ist wie eine u-kurve: in der mitte des lebens kommt der mensch oft an seinen tiefpunkt. manch einer macht dann radikale änderungen – und findet seine wahre passion. von katrin hummel

 

kerstin humberg war 28, als sie beraterin bei mckinsey wurde. sie war gelernte journalistin, hatte georgraphie studiert und plötzlich das gefühl, die welt stehe ihr offen. fortan reiste sie um den globus, soziale und ökologische fragen waren ihr thema. so beriet sie eine afrikanische umweltorganisation in finanzfragen, entwickelte die nachhaltigkeitsstrategie für ein globales textilunternehmen und baute die stiftung für ein saudisches familienunternehmen mit auf. „ein traumjob“, erinnert sie sich. „aber irgendwo in meinem hinterkopf hatte schon immer der wunsch geschlummert, mich irgendwann selbständig zu machen“, sagt die heute 38jährige. als sie im rahmen eines mckinsey-trainings einen harvardprofessor kennenlernte, der sie in die positive psychologie einführte – die erforscht, was den menschen stärkt, sein wohlbefinden steigert und das leben lebenswerter macht – da wusste sie, was sie als nächstes tun wollte: glück produzieren. sie kündigte, nach neun jahren als beraterin, mit einem lachenden und einem weinenden auge, wie sie heute sagt. und gründete „yunel“, ein unternehmen, das erkenntnisse der glücksforschung nutzt, um menschen in der lebensmitte bei der weiteren planung zu unterstützen.

 

auch andreas huth, 35, hat eine hundertachtzig-grad-wende in seinem dasein vollzogen. bis vor kurzem war er als visual brand manager bei einem großen modelabel für die konzeption der stores und messestände verantwortlich. dann kam, nach elf jahren, die kündigung. statt sich schnell eine neue stelle zu suchen – sein erster sohn war gerade vier wochen alt – ging huth mit frau und säugling auf eine wohnmobiltour durch europa und anschließend noch für sechs monate nach bali. „da haben wir überlegt, was wir ändern wollen in unserem leben“, sagt huth. „wir haben schon immer sehr viele ideen gehabt und in unserer freizeit viele kreative dinge ausprobiert, aber durch die komfortzone der festanstellung nie den mut gehabt, uns an was neues zu wagen.“ nun aber war zumindest er frei – seine lebensgefährtin arbeitet auch heute noch vollzeit, sie ist wie huth gelernte gestalterin für visuelles marketing und inzwischen managerin bei einem modelabel.

 

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weil sie ihre vielen ideen nicht zu einer einzigen bündeln konnten, wandten sich huth und seine lebensgefährtin schließlich an profis: barbara rörtgen und tim prell vom düsseldorfer „entwicklungshelfer ideenlabor“ beraten menschen, die sich ein ganz neues leben vorstellen können, weil sie als coachs für berufstätige zunehmend die erfahrung gemacht haben, „dass die fragen, die unsere klienten hatten, nicht mehr nur ihre berufliche entwicklung, sondern ihre gesamte zukunft betrafen. die fragten nicht mehr nur: wie soll ich arbeiten? sondern: wie will ich leben?, erzählt rörtgen.

 

huth und seine lebensgefährtin schilderten im gespräch mit rörtgen und prell ihre wertvorstellungen und überprüften ihre ansprüche ans leben. und sie stellten dabei fest, was sie eigentlich schon wussten: dass sie sich sehr ähnlich sind, aber ein unterschiedliches temperament haben. „ich bin eher so ein hau drauf und alles groß und sie ist eher vorsichtig und warte mal. das ergänzt sich gut“, erzählt huth. mit hilfe von rörtgen und prell konnten sie dann aber endlich auch formulieren, was sie in zukunft tun wollten: „alle skills in einen topf werfen und eine eigene welt erschaffen“, so formuliert es huth.

 

wie die aussehen könnte, das haben sie inzwischen auch herausgefunden: sie haben eine firma für interior design gegründet, “tipiyeah“ heißt die und sie verkauft online design-wandschmuck und traumhafte vintage-strick-tipis in unterschiedlichen variationen. seine entscheidung hat er noch nie bereut:“das, was ich vorher gemacht habe, war nicht das, was ich am allerliebsten gemacht habe“, sagt er. „jetzt habe ich meine passion gefunden.“

 

menschen empfinden ihr leben vor allem dann als sinnvoll und glücklich, wenn sie im einklang mit ihren talenten, werten, bedürfnissen und gefühlen leben – das hat die glücksforschung inzwischen hinreichend bewiesen. wenn indessen die realität hinter den eigenen erwartungen zurückbleibt, leidet die lebenszufriedenheit. aus dem im auftrag dem deutschen post erstellten glücksatlas 2014 geht hervor, dass der frust bei den deutschen im alter zwischen 40 und 60 am größten ist, mit einem absoluten tiefpunkt zwischen mitte 40 und 50 und dass die zufriedenheit mit dem eigenen leben erst danach wieder wächst. die kurve der lebenszufriedenheit, gesehen von der geburt bis zum tod, entspricht also graphisch einem U.

 

diese erkenntnis deckt sich mit den erkenntnissen der ökonomen david blanchflower und andrew oswald, die datensätze zur lebenszufriedenheit von mehr als einer million menschen aus mehr als 70 ländern untersucht und festgestellt haben, dass dieses phänomen auf der ganzen welt das gleiche ist, mit minimalen unterschieden: in europa liegt der tiefpunkt der lebenszufriedenheit demzufolge bei 46 jahren, in schwellenländern bei 43 jahren.

 

dass viele menschen in der lebensmitte unzufrieden werden, liegt laut glücksforschung daran, dass die realität ihres lebens hinter den erwartungen zurückbleibt, die sie als junge menschen hatten. im mittleren alter wird ihnen dann klar, dass sie die vergangenheit nicht mehr ändern können und die zukunft keine großen veränderungen mehr bringen wird. sie haben also nicht mehr die illusion, dass sie noch viel zu erwarten haben. wenn sie sich damit erst einmal abgefunden haben, werden sie wieder glücklicher: die einsicht, dass es gut ist, so wie es ist, trägt offenbar entscheidend dazu bei, eine midlife-crisis zu bewältigen. zusammengefasst: die midlife-crisis ist eine bilanzkrise.

 

so war es auch bei auguste laurenz. die französin, die schon lange in deutschland lebt, war neun jahre lang leiterin einer kleinen sprachschule. sie hat den mitarbeitern verschiedener firmen im ruhrgebiet französisch beigebracht. das hat ihr spaß gemacht, aber erfüllt hat es sie nie so richtig: „ich hatte das gefühl, es bringt unterm strich nichts, denn die mitarbeiter brauchten gar kein französisch zu sprechen in ihrem job. die geschäftssprache ist ja oft englisch.“ als ihr mann ende 2015 seinen job verlor und eine hohe abfindung erhielt, entschloss die 56jährige, die eigentlich anders heißt, sich spontan, ihr eigenes berufsleben auch zu beenden. ihre drei kinder waren aus dem haus, sie fühlte sich frei, doch „ausschlaggebend war für mich, dass meine eltern relativ früh gestorben sind. ich dachte mir: was habe ich von einer besseren rente, wenn ich danach nur noch einige jahre lebe?“

 

kurz darauf fragte ein freund sie, ob sie nicht lust habe, deutschunterricht für flüchtlinge zu geben. sie sagte zu und bald unterrichtete sie zweimal in der woche in einem gemeindehaus. schnell wurde der bedarf der flüchtlinge nicht nur an sprachunterricht, sondern auch an wohnungen, möbeln und anderen dingen größer und laurenz packte wieder mit an. mittlerweile hat sie neun wohnungen vermittelt und mit möbeln bestückt, vielen flüchtlingen bei papierkram geholfen, sie zu arztbesuchen begleitet und begonnen, ein netz von patenschaften aufzubauen. einige flüchtlinge sehen sie als ersatzmutter und ihr leben gefällt ihr besser, obwohl sie mehr arbeitet als früher: “ich kann mehr bewegen, ich kann die lebenensqualität der menschen direkt und deutlich verbessern.“

 

sie hat das gefühl, als schließe sich für sie ein kreis. schon als jugendliche hatte sie sich sozial engagiert, dann waren die kinder gekommen und der job, nebenbei noch ein wenig gemeindearbeit. nun aber ist sie angekommen, sie macht das, was sie wirklich will. „ich brauche keine weltreise und keine kreuzfahrt, ich brauche auch kein teures auto und möbel und anziehsachen haben wir genug. ich genieße es, dass ich menschen helfen kann, die mir leid tun.“

 

bereut hat sie ihren ausstieg aus dem job noch nie. und dass sie seitdem einige freundschaften nicht mehr so pflegt, weil sie das in ihren augen hohle geschwätz dieser menschen nicht mehr ertragen konnte, grämt sie auch nicht: „wenn oft die leute nur vom urlaub erzählen und meckern, dass da die handtücher nicht sauber waren – da werde ich wütend und es ist besser, wenn ich gehe.“ derartige luxusprobleme kennen die flüchtlinge, die sie betreut, nicht. „bei mir hat sich alles verschoben. alles ist jetzt im einklang, es ist sinnhaft und macht wirklich spaß“, sagt laurenz.

 

doch zu spüren, welche bedürfnisse und werte man selbst hat und wie man am liebsten leben will – das gelingt vielen menschen gar nicht erst. vermutlich deshalb, weil sie zu sehr im alltagstrott feststecken. manche hätten auch in jungen jahren einfach das imitiert, was ihre familien ihnen vorgelebt hätten und merkten später im leben, dass es an ihren eigenen bedürfnissen vorbeigehe, sagt tim prell, der experte vom „entwicklungshelfer ideenlabor“. dass sinn und erfüllung für jeden menschen etwas anderes bedeuten, macht die sache nicht einfacher: “die welt ist unübersichtlich geworden, es gibt eine schier unübersehbare anzahl von möglichkeiten und über allem steht die aufforderung, sein leben unbedingt zu optimieren.“

 

prell und rörtgen ermuntern ihre klienten dazu, dinge zu ändern, aber ernüchtern sie auch, wie sie sagen: manches gehe eben nicht. oft gebe es gar nicht so viele möglichkeiten. trotzdem haben sie bisher allen klienten neue perspektiven aufgezeigt: da ist die klientin, die lange auf mallorca lebte und sich dort ein erfolgreiches unternehmen aufgebaut hatte. die coachs führten ihr vor augen, dass sie ein elementares bedürfnis nach heimat in sich trage. „in ihrem fall war die heimat aber kein ort, sondern es waren menschen – zwei alte freundinnen“, sagt rörtgen. das sei der klientin nicht klar gewesen.

 

eine andere klientin habe ebenfalls ein relativ selbstbestimmtes leben geführt, sei aber unglücklich gewesen. „im laufe des coachings haben wir eine blockade entdeckt“, erzählt prell. „diese frau dachte, sie habe kein recht, glücklich zu sein.“ menschen, die eine leidenschaft in sich trügen, seien hingegen glücksfälle: „die kommen nicht zu uns. und wenn doch, dann sagen wir denen: sie brauchen uns nicht“, räumt rörtgen ein. sehr wohl helfen könnten sie indes menschen, die eine unentdeckte leidenschaft hätten – „weil sie nicht den mut haben, dazu ja zu sagen“.

 

auch kerstin humberg, die ehemalige mckinsey-beraterin, versucht mit ihrer firma menschen vor augen zu führen, „woher sie kommen, wo sie aktuell im leben stehen und wohin sie wollen.“ gemeinsam mit den auftraggebern entwickelt sie halbzeit-biografien in textform oder von jungen künstlern aufwendig gezeichnete lebenskarten. dabei nutzt sie interviewtechniken und übungen aus der glücksforsung, um gemeinsam mit den klienten einen plan für die nächste lebensphase zu entwickeln. humberg ist überzeugt: “wer sich im klaren über seine stärken und werte ist und weiß, was dem eigenen leben sinn gibt, kann besser danach leben.“ bisher musste sie noch keinen ihrer kunden ohne gute idee für die zweite halbzeit ziehen lassen. einer ihrer aktuellen klienten, ein ehemaliger manager anfang 50, will nun in südspanien eine akademie für sozialunternehmer schaffen.