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ZURÜCK AUF LOS

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wer sich beruflich neu erfinden will, braucht kraft, nerven –
und gute ratgeber.

text: friederike böge, foto: albrecht fuchs

der raum sieht ein bisschen aus wie ein bühnenbild für jean-paul sartres „geschlossene gesellschaft“. der fußboden weiß lackiert, die weißen wände bilderlos. in der mitte steht ein glastisch, auf dem bei genauem hinsehen ein schriftzug erkennbar wird: „alles kann besser werden.“ ein nichtort, so neutral, dass er seine besucher verschluckt, als gäbe es kein gestern und kein morgen. der keine blickrichtung vorgibt, alle möglichkeiten offenlässt. nur ein ausgestopfter rehkopf an der wand zeigt an, dass auch ein bisschen selbstironie erwünscht ist.

hier sezieren barbara rörtgen und tim prell lebensläufe und -träume, nehmen sie auseinander und setzen sie neu zusammen. ideenlabor nennen die beiden ihr düsseldorfer beratungsunternehmen und sich selbst entwicklungshelfer. sie coachen menschen, die nach einem neuen beruf suchen. unabhängig von ihrer bisherigen karriere. unabhängig von der lage auf dem arbeitsmarkt. es zählt allein die frage: welcher job passt zu mir?

der traum vom neuanfang speist eine ganze branche. rund 650 mitglieder hat der deutsche verband für bildungs- und berufsberatung. es gibt viele mut machende beispiele. da wird ein banker zum winzer und eine krankenschwester zur kapitänin. doch bis es so weit ist, vergehen oft jahre, die kraft und nerven kosten und manchmal auch die ehe.

„die meisten unserer kunden haben den teil des lebens hinter sich, in dem es darum geht, etwas aufzubauen, jemand zu werden“, sagt prell, dessen stimme so freundlich ist wie sein hellblauer pullover. ab mitte 30 besännen sich viele neu. „dann geht es mehr darum: wer bin ich, und was ist das richtige für mich?“

diese sinnfrage haben sich die berater vor zehn jahren selbst gestellt – und ihre stellen als kreativdirektorin und artdirector einer werbeagentur gekündigt. sie zogen aus ihren großen wohnungen in kleine um und ernteten von kollegen ein mitleidiges lächeln. andere reagierten irritiert oder sogar aggressiv. „wenn sie eine radikale veränderung zu sich hin machen, sind sie für leute, die das auch gern tun würden, aber sich nicht trauen, eine existenzielle bedrohung“, sagt barbara rörtgen. trotz des bruchs sieht man ihr die kreativdirektorin noch an: sie trägt kurzes, blond gefärbtes haar, tiefroten lippenstift und dunkle brille.

welcher job passt zu mir? die kunden der entwicklungshelfer wollen sich verändern, weg vom bestehenden, aber wissen nicht, in welche richtung. sie stehen nicht an einer kreuzung, sondern auf dem offenen feld. acht stunden lang befragen rörtgen und prell sie nach ihren fähigkeiten und werten, was sie am liebsten tun und welchen einfluss die eltern auf ihre studienwahl hatten. am ende, so verspricht das ideenlabor, steht eine klare antwort. nicht drei berufsoptionen, sondern der eine richtige job. „es geht um das, was wirklich zu mir gehört, weil 80 prozent meines natürlichen potenzials darin stecken“, sagt die beraterin.

„glaubst du das wirklich?“ diese frage hat lea kelic von ihren freunden oft gehört, als sie im august 2009 das coaching buchte. immerhin 1900 euro kostet der beratungstag. als die neusserin den weißen raum betrat, war sie seit zehn jahren vertrieblerin beim konsumgüterhersteller henkel. sie war unzufrieden mit ihrem beruf, in den sie eher durch zufall hineingeraten war. sie hatte ihr romanistik-studium abgebrochen, in einem kino gejobbt, ein praktikum bei einem konzertveranstalter gemacht und bei einer zeitarbeitsfirma angeheuert. über die war sie schließlich bei henkel gelandet – und geblieben. irgendwann kam die routine, das gefühl, ein rädchen im system zu sein, und die frage: war das alles?

so geht es vielen, die mitten im leben einen berufsberater aufsuchen. sie kommen nicht wegen der wirtschaftsflaute, sondern wegen einer persönlichen krise. sie fühlen sich am falschen platz, weil sie ihre berufe nicht selbst gewählt haben, sondern einer familientradition gefolgt sind, jura studiert haben, weil ihnen nichts besseres eingefallen ist, oder einfach durch jedes türchen gegangen sind, das sich ihnen öffnete. irgendwann, so sagen die entwicklungshelfer, kämen ihre klienten an einen punkt, an dem sie selbst über ihre berufliche karriere entscheiden wollten. was ein wenig merkwürdig klingt, da die berater ihnen diese entscheidung ja quasi abnehmen wollen.
immer weiter so? ist es das gewesen? oder gibt es etwas, das ich viel lieber täte?

lea kelic sitzt in ihrer farbenfrohen dachgeschosswohnung vor einem stapel bedrucktem papier mit ausgestanzten herzchen. daneben liegen bändchen und aufkleber, pappschachteln und stempelkissen. „ich bin eine papierverrückte“, sagt die 39-jährige und mimt einen scheibenwischer vor ihrer stirn, als sei ihr der eigene entschluss nicht ganz geheuer. sie ist gerade dabei, eine eigene firma zu gründen. „das papierlabor“ soll sie heißen und handgefertigte glückwunsch- und einladungskarten anbieten.

„die entwicklungshelfer haben mir die letzte bestätigung gegeben, dass das, was ich immer als basteln bezeichnet habe, eigentlich design ist“, sagt kelic. zu dem gespräch hatte sie die einladungskarten für ihre hochzeit mitgebracht, die sie selbst entworfen hatte, nachdem sie im fachhandel keine fand, die ihr gefielen. aufwendig gestaltete büchlein aus bunten papiereinlagen mit vögeln und blumen, zusammengenäht mit seidenfäden und bedruckt mit weißer stempelfarbe. ihre damalige hochzeitsplanerin hat schon zugesagt, kelics karten zu verkaufen. weitere vertriebswege arbeitet die vertriebsexpertin gerade aus.

hätte sie diese entscheidung nicht auch allein oder im gespräch mit freunden treffen können? „nein“, sagt lea kelic. nach jahren der schleichenden unzufriedenheit habe sie nicht mehr gewusst, was gut sei und was nicht. und freunde seien nicht objektiv.

der blick für die eigenen möglichkeiten sei begrenzt, sagt der berater prell. seine klienten seien sich oft nur jener fähigkeiten bewusst, die sie in den vergangenen zwei jahren genutzt hätten. aus 30 stärken, die die meisten nennen könnten, würden im laufe des gesprächs 120. in jedem schlummerten ungeahnte potenziale, sagt er.
so ungeahnt, dass viele kunden erst einmal überrascht sind von ihrem eigenen traumberuf, den die entwicklungshelfer für sie identifiziert haben. „eine junge pflanze“ sei das, sagt prell, die anfangs von allzu kritischen stimmen leicht wieder zertrampelt werden könne.
„das klingt jetzt aber ein bisschen dünn.“ so hatte die sachbearbeiterin der bundesagentur für arbeit kelics unternehmerträume kommentiert. dort musste sie vorsprechen, weil henkel ihrem kündigungsplan im zuge einer umstrukturierung zuvorgekommen war. lieber wolle sie kelic in einen sozialversicherungspflichtigen job vermitteln, hatte die frau vom amt gesagt.

bei 20 prozent ihrer kunden kommen die entwicklungshelfer am ende zu dem ergebnis, dass sie in ihrem beruf schon richtig und nur im falschen unternehmen beschäftigt seien. den anderen empfehlen sie den neuanfang.
kann es so etwas geben – den traumberuf? den einen job, in dem sich alle fähigkeiten und bedürfnisse vereinen lassen und der auch noch zum eigenheim und den zwei kindern passt? „ich habe auch gedacht, das kann nicht sein“, sagt julia jenner. „aber das ergebnis kam dem schon extrem nah.“ die blonde frau sitzt im restaurant eines vier-sterne-hotels im ostseebad warnemünde. schnörkellos norddeutsch, im maritimen blauen blazer, über jeden esoterik-verdacht erhaben. die entwicklungshelfer empfahlen jenner, sich um eine stelle bei der bertelsmann stiftung zu bemühen – um sich ihren wunsch zu erfüllen, einen mehrwert für die gesellschaft zu leisten. was prell und rörtgen nicht wussten: genau dorthin hatte die lübeckerin die erste bewerbung ihres lebens geschickt.

dem rat ist jenner zwar nicht gefolgt. trotzdem: drei monate nach dem gespräch reichte sie die kündigung ein. dabei stand die damals 32-jährige marketing-frau kurz vor ihrer beförderung zur abteilungsleiterin bei einem düsseldorfer telekommunikationsunternehmen. sie war erfolgreich, mochte ihren beruf. ihre karriere war bislang glatt gelaufen. „alles lief in richtung ziele erfüllen“, sagt jenner und malt mit der hand ein häkchen in ein imaginäres kästchen in der luft.
so auch im privatleben. ihre hochzeit stand ins haus, die gäste waren schon eingeladen, doch drei wochen vorher wurde das vorhaben abgeblasen. statt des häkchens stand da nun ein fragezeichen. „durch diesen privaten anstoß habe ich gedacht, ich muss mich mal hinterfragen. ist es das überhaupt: die branche? düsseldorf?“

auf dem tisch liegt ein roter pappumschlag, auf den in weißer schrift das wort „kraftpaket“ gedruckt ist. darin sind auf rund 30 seiten die ergebnisse des coachings abgeheftet, das jenner vor drei jahren gemacht hat. unter der überschrift „ist-zustand“ heißt es: „meine derzeitige arbeit macht spaß und passt gut zu meiner vielseitigkeit.“ bei „was ich am liebsten mache“ steht: auf sylt am strand spazieren gehen. nichts wirklich ungewöhnliches. befunde, die so ähnlich für viele menschen zutreffen könnten. und doch, sagt julia jenner, sei sie von manchem überrascht gewesen. zum beispiel, wie stark sie durch private werte wie familie und heimat getrieben sei und dass sie fähigkeiten besitze, die sie schon seit jahren nicht mehr eingesetzt oder von denen sie nichts geahnt habe. sie zog zurück in ihre heimatstadt lübeck, tauschte düsseldorfer szene-kneipen gegen den timmendorfer strand ein. erst dann suchte sie sich ihren neuen job und vermarktet nun luxushotels in einem familienunternehmen.

vorsicht vor gut gemeinten ratschlägen von den lieben partnern, freunden und verwandten
die marketing-frau hat verschiedene berufsberater getestet. bei den meisten sei es um die optimierung der karriere, nicht um mehr zufriedenheit gegangen. ohne die entwicklungshelfer, glaubt jenner, wäre sie wohl nicht an der küste gelandet. „man hat zwar mal so einen gedanken, aber man verfolgt ihn nicht weiter.“ dann sei es hilfreich, wenn die idee durch „eine neutrale instanz abgeprüft“ werde.

 

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