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DER TRAUM VOM ANDEREN LEBEN

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wenn der job nur noch nervt, muss ein neuer her:
wer mit diesem gedanken zum berufs-coach geht,
darf auf überraschungen gefasst sein.

von manfred dworschak

… die düsseldorfer „entwicklungshelfer“ betreiben ihr coaching jetzt seit 13 jahren. sie haben sich etabliert – auch ohne psychologie-diplom. barbara rörtgen war zuvor in der werbebranche, tim prell hat an einer kunsthochschule studiert. ein typisches muster: die meisten coaches sind quereinsteiger – sie waren sozusagen selbst ihre ersten kunden. im früheren leben arbeiteten sie als werbeleute, unternehmensberater, psychologen, häufig auch als journalisten.

die beiden „entwicklungshelfer“ bieten eine sehr spezielle methode der berufsfindung an: die beiden nehmen ihre klienten jeweils einen tag lang ins kreuzverhör; noch am abend unterbreiten sie ihnen dann, nach kurzer beratung, einen vorschlag.

christian geier, 35, messeberater in hannover, hatte selbst mehr als genug ideen für einen neuanfang. sein job bei der deutschen messe ag war es, aussteller einzuwerben und auf hallen zu verteilen, fachgebiet pneumatik und hydraulik. „nach drei jahren weiß man, wie das geschäft läuft“, sagt geier. nach sieben jahren wollte er raus.

der mann hat viele interessen. eins davon, dachte er, müsste sich doch zum beruf machen lassen. eine segelschule eröffnen? ein hotel führen? oder doch lieber eine pizzabude? auch innenarchitekt hätte er sich vorstellen können. nebenher half er schon mal als fitnesstrainer aus. „irgendwann hat mich das alles wahnsinnig gemacht“, sagt geier. „ich brauchte jemanden, der mir hilft, mein herzensding zu finden.“

vor dem düsseldorfer berater-duo hatten seine ideen nicht lange bestand. würde er sich wirklich den alltagsbetrieb eines hotels aufbürden? interessiert er sich ernsthaft für innenarchitektur? liest er denn überhaupt die einschlägigen magazine? „die haben mich richtig ausgequetscht“, sagt geier.

am abend präsentierten rörtgen und prell ihm einen konkreten vorschlag: eine ausbildung zum heilpraktiker für psychologie, spezialgebiet beziehungen und sexualität. „da war ich wirklich verblüfft“, sagte er. „mit diesem gedanken hatte ich noch nie gespielt.“ aber als er danach seinem besten freund davon berichtete, sagte der: „endlich! das bist doch genau du – beziehungen!“

schon immer waren die freunde zu ihm gekommen, um rat zu holen, auch wenn es um komplizierte fragen ging, um partnerschaften, sex. geier kümmert sich gern. begegnet ihm ein sympathischer mensch, wird er sofort eingemeindet: „dann fängt es an, in mir zu rattern“, sagt geier. „geburtstag? namen der kinder?“ er sammelt alle details und er vergisst dann auch nicht sich zu melden und nachzufragen. erzählt jemand von einem bevorstehenden vorstellungsgespräch, ruft er zuverlässig hinterher an: wie ist es gelaufen?

er ist es auch, der die familie zusammenhalte, sagt geier. er ist rundum der typ des guten hirten, allerdings kam ihm da nicht wie etwas besonderes vor. „herr geier hatte soziale beziehungen nicht einmal unter seinen interessen genannt, aber es war das verbindende in allen seinen äußerungen“, sagte beraterin rörtgen.

warum studiert so einer auf wirtschaftsingenieur? eine gewisse verblendung, vermutet geier: der vater starb vor seiner geburt, der onkel, der ein unternehmen führte, war sein großes vorbild. der aufstieg an die spitze einer firma war das einzige ziel, das der neffe sich vorstellen konnte.

im september beginnt seine ausbildung zum therapeuten. nebenher wird geier weiter als freiberuflicher messeberater arbeiten, zur sicherheit.

aber ist es nicht etwas riskant, dem klienten nach nur einem tag des kennenlernens einfach einen neuen beruf zu präsentieren? einen schlüsselfertigen lebensentwurf, in den er nur noch hineinschlüpfen muss? berater prell findet den wagemut vertretbar: „ohne konkrete empfehlung“, sagt er, „kann doch niemand den ersten schritt tun.“

radikale berufswechsel kommen aber auch bei den „entwicklungshelfern“ nicht so häufig vor. die mehrzahl ihrer klienten bleibt in der nähe der angestammten tätigkeit. trotzdem ist so mancher überrascht, welche perspektiven sich da noch ausfindig machen lassen.

angelika jacobi-kaulbach beispielsweise, unternehmerin aus köln: zwei jahrzehnte lang lief es gut im beruf, ihre kleine firma hatte zuletzt 21 mitarbeiter. sie half anwaltskanzleien und pr-agenturen beim expandieren: neue kunden anwerben, neue geschäftsbereiche erobern. dann kam der 50. geburtstag, und das zweite kind ging aus dem haus. schon länger habe sie bemerkt, wie eine schleichende unzufriedenheit sie auszehrte, sagte jacobi-kaulbach: „so ein geschäft kommt einem ja schon manchmal sinnentleert und hohl vor.“ immer maximiert man für andere erfolg und gewinn, stets unter dem druck, gute zahlen zu machen. was immer sie tat, es musste sich für den kunden auszahlen in neuen kontakten, terminen, aufträgen. „und man gehört nie so richtig dazu“, sagt sie. „der kunde hat sich ja einfach nur eine dienstleistung gekauft.“

es kam der tag, an dem sie sich fragte: „willst du das noch weitere 15 jahre lang machen? die antwort war: nein.“

auch jacobi-kaulbach durchlief den berfragungsmarathon der „entwicklungshelfer“. vorlieben, talente, erinnerungen an kleine und große erfolge, die zeigen können, worin sie gut ist. „niemals hätte ich mir selbst all diese fragen gestellt“, sagt sie. bis zum schluss allerdings schälte sich für sie keine erkennbare tendenz heraus.

umso mehr erstaunte sie der vorschlag, den sie bekam. die berater empfahlen ihr, bei dem zu bleiben, was sie auch bisher mit erfolg getan hat: verbindungen spielen lassen, strategien aushecken – aber von nun an für einen guten zweck, zum beispiel für eine stiftung. es gebe da ein aufbaustudium „stiftungswesen“ an der uni basel.

jacobi-kaulbach hat dieses studium bereits angefangen. im april fand sie eine stelle bei einer international tätigen stiftung im gesundheitsbereich.

„ich bin damit rundum zufrieden“, sagt sie. sie muss nicht mehr dienstleistungen verkaufen, sondern die leute für eine gute sache begeistern: „es geht darum, leben zu retten.“